katz und maus

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theater konstanz
spiegelhalle

 

katz und maus
konstanzer fassung, nach günter grass, UA

 

fassung und inszenierung: mario portmann
dramaturgie, mitarbeit fassung: jutta m. staerk
raum/kostüme: stefan testi
musikalische einstudierung: peter kosiol
mit david benito garcia, georg melich, hans helmut straub, jana alexia rödiger, michael kientzle

premiere am 30.9.2006

eingeladen zur “woche junger schauspieler 2007”, in bensheim (eine veranstaltung der deutschen akademie der darstellenden künste, kurator günther rühle).

ausgezeichnet mit dem
*bensheimer theaterpreis
für junge schauspieler*

 

 

 

thurgauer zeitung vom 3.10.2006

Keine wahre Erlösung nirgendwo

«Katz und Maus» nach Günter Grass wurde im Jungen Theater Konstanz in einer Stückfassung uraufgeführt. Die jüngste Grass-Diskussion wurde dabei nicht ganz ausgespart.

Konstanz - Mahlke. Nur zwei- oder dreimal hat er einen Vornamen, Joachim; dann, wenn er seine Kameraden einmal mehr überrascht hat oder der gute Junge der Mutter ist. Eine Distanz, die heute «cool» genannt würde und von der Unsicherheit zeugt, die der Weg ins erwachsene Leben mit sich bringt.

Diesen Mahlke, Oberschüler in den ersten der von Deutschen angezettelten Kriegsjahre, hat Günter Grass in «Katz und Maus» zu symbolhafter Kontur ausgebaut, er ist der Junge mit dem stigmatisierenden Adamsapfel, ist Opfer und Täter. Und nach dem Grass-Eingeständnis dieses Sommers, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, scheint die autobiografische Verflechtung noch mehr als bisher gegeben.

Grass-gerechte Bühnenfassung

Als sich das Junge Theater Konstanz für den Stoff zu interessieren begann und eine Stückfassung in Auftrag gab (die der Schweizer Autor und Regissuer Mario Portmann ganz vorzüglich realisierte), war an keine derartige Konnotation zu denken.

Was am Samstag in der Spiegelhalle uraufgeführt wurde, wird einem Grass gerecht, der 1961 beim Erscheinen der zur Danziger Trilogie gehörenden Novelle auf dem Höhepunkt seiner (später mit dem Nobelpreis gewürdigten) Schaffenskraft stand - und der moralisch unangefochten war. Wobei die Inszenierung von Mario Portmann heute nicht ganz so tut, als sei nichts gewesen: Mahlke, der als dekorierter Soldat in seine Heimatstadt zurückkehrt, trägt anspielungsreich die Uniform der Waffen-SS. Ein Untergangsszenario der besonderen Art, denn ausgerechnet da haben Kierkegaard und Dostojewski den Marien- und Ritterkreuzanbeter Mahlke gestreift. Mahlke taucht ab. Am Ende steht eine Stille, die den Freund Pilenz Jahre verfolgen wird.
Der Schweizer Stephan Testi hat für «Katz und Maus» eine reduzierte Bühne entworfen, die in ihrer Schlichtheit schon wieder etwas Sakrales hat und damit die Atmosphäre der Vorlage sehr genau trifft.

Michael Kientzle besticht

Hans Helmut Straub gibt den Erzähler Pilenz, der sich aus einigem zeitlichen Abstand erinnert. Ihm zur Seite stehen die jüngeren Schauspieler Georg Melich, David Benito Garcia und Jana Alexia Röder, die in erster Linie den Freundeskreis jener Kriegssommer auf dem Minensuchboot verkörpern, aber auch in die Rolle von Pfarrer, Schulleiter oder dekorierter Helden schlüpfen.

Und dann natürlich jener Mahlke: Michael Kientzle, ein äusserst schmaler junger Mann, besticht zunächst durch seine Gesten des Rückzugs, seine Randexistenz, die Mahlke gleichzeitig in den Mittelpunkt rückt. Stockend in der Sprache, wird er erst in der Uniform der Waffen-SS offen und gelöst sein.

Nackte Tatsachen

Ein grossartiger Theaterabend, der auf allen Ebenen durch Genauigkeit und Klarheit besticht und der monologischen Struktur der Prosa-Vorlage nie zum Opfer fällt. Und wer sich über die nackten Tatsachen mokiert, die auf der Bühne mehr als nur angedeutet werden (mutige Schauspieler!), soll auf Grass selbst verwiesen werden, der in dieser Beziehung nie zimperlich mit seinen Lesern umgegangen ist. Im sittenstrengen US-Amerika war Volker Schlöndorffs preisgekrönte Blechtrommel-Verfilmung sogar dem Vorwurf der Pornografie ausgesetzt gewesen.

brigitte elsner-heller

südkurier vom 2.10.2006:

Ein Höhepunkt jagt den anderen

Uraufführung: Das Junge Theater Konstanz spielt mit “Katz und Maus”, einer Novelle von Günter Grass

Schuld ist Tulla Pokriefke. Ein "Spirkel mit Strichbeinen". Tulla hätte genauso gut ein Junge sein können. Das Jungenmädchen also besteht aus Haut und Knochen, vor allem aber aus "Neugierde". - So heißt es in Günter Grass' Novelle "Katz und Maus" aus dem Jahre 1961 - und jetzt auch in einer dramatisierten Fassung des Stoffes durch Mario Portmann und Jutta M. Staerk für die Bühne des Jungen Theaters in Konstanz. Die reine Neugierde treibt Tulla an, die Jungs, mit denen sie auf einem Wrack im flachen Wasser der (Danziger) Bucht die Sommerferien totschlägt, zu einer Masturbations-Olympiade zu bewegen. Mit aufgestütztem Kinn guckt sie zu, die Konstanzer Tulla Jana Alexia Rödiger, wenn Hotten und Winter die Badehosen runterziehen und sich einen runterholen. "Mensch, das dauert aber", hören wir sie herummosern, weil sie zu lange warten muss, bis sie das auf den Mövenmist gespritzte Zeug mit dem großen Zeh verrühren kann.

Dieses seltsame Vergnügen versteht keiner, auch nicht Joachim Mahlke. Die anderen auf dem Wrack, allesamt Schüler am Langfuhrer Conradinum, nennen ihn bewundernd den "großen Mahlke". Das war nicht immer so. Mahlke wächst vaterlos auf, Mutter und Tante übernehmen die Erziehung. Doch irgendwas geht schief. Mahlke gilt als kränklich, er wird verspätet eingeschult und vom Sport befreit. Er kann weder Rad fahren noch schwimmen, nur das Lernen fällt ihm leicht. Ein Streber ist er dennoch nicht, er verpetzt niemanden und lässt abschreiben. - Michael Kientzle ist Mahlke, unsicher, verkrampft, unnahbar, die Leidensmiene pur. So soll er sein, wenigstens bis hierher.

Mahlkes Interesse an Mädchen ist gering. Weibliche Bewunderung hat er ja zu Hause. Wenn überhaupt, sucht er in der Jungfrau Maria Ersatz. Auch Liebesersatz. Später, bei einem Tauchgang, fischt er aus dem Wrack ein Marien-Medaillon, das er sich zusammen mit einem Schraubenzieher um den Hals hängt. Die beiden Fetische sollen im Übrigen von seinem außergewöhnlich großen, beim Schlucken hüpfenden Adamsapfel ablenken, seinem Makel, dessen Bewegung eine Katze dazu verleitet, das Ding für eine Maus zu halten.

Wir erfahren das alles und noch mehr von Pilenz - Hans Helmut Straub spielt Mahlkes Mitschüler. Er hat Mahlke überlebt. Pilenz fühlt sich schuldig. Nun muss er, inzwischen ein grauer Panther, fast zwanghaft erzählen, beichten, was damals war: Selbst als Mahlke, der ein Zirkusclown werden wollte, in die Pubertät kommt, ändert sich sein Verhältnis zum weiblichen Geschlecht nicht. Allerdings will er aus der Ecke des Absonderlichen heraus, er sucht nach Anerkennung - und treibt plötzlich verbissen Sport, lernt schwimmen, wird bald unter den sommerlichen Gästen in der Bucht der ausdauerndste Taucher. Die mit wenigen Vielzweckmöbeln bestellte, von einem schwarzen Band gerahmte Bühne der Spiegelhalle, das als Projektionsfläche für Videoeinspielungen dient (Ausstattung Stephan Testi), wird zur Sporthalle. Schwitzend und keuchend drehen Tulla und ihre Mannen die Runden. Als Mahlke dann doch, etwas verschämt, die Hose runterlässt, bestätigt er auch an dieser Stelle seinen Spitznamen: er hat von den Jungs den längsten Riemen und er kann als Einziger gleich zweimal hintereinander ejakulieren. "Anbetungswürdiger", entfährt es Tulla.

In der Spiegelhalle herrscht Feststimmung, als so ein Höhepunkt den anderen jagt. Mit dem Rücken zum Publikum fingern Hotten, Winter, Mahlke und schließlich auch Pilenz, im blauen Zweiteiler, an sich herum, mit dem bekannten flüssigen Ergebnis. Diese für manchen Zuschauer überflüssige oder zumindest derbe Szene ist nicht die Erfindung von Portmann, der auch Regisseur des bejubelten Uraufführungsabends ist, sondern Grass wird beim Wort genommen. Schon bei der Veröffentlichung der Novelle sorgte diese private Orgie in der Adenauer-Republik für Aufregung. Tempi passati. Inzwischen ist das Mittelstück der "Danziger Trilogie" Schulstoff.

Und wohl deshalb wird die bisweilen etwas plakative und erzählerzentrierte Bühnenfassung des Grass'schen Lehrbuchs, Spielbuchs und Märchenbuchs nicht im Großen Haus, sondern im Jungen Theater gespielt. Aber wohl auch weil Grass mit der Figur des Mahlke, den er noch in Hitlers Krieg schickt und als Ritterkreuzträger geadelt zurückkehren lässt, eine der ergreifendsten Jungen-Gestalten der modernen Dichtung gelungen ist. Dass Portmann den zum Schluss freud- und freundlosen Helden in eine SS-Uniform steckt, ist weniger dem jüngsten Grass-Geständnis geschuldet, als vielmehr der Dramatik der Situation - Mahlke, Kierkegaard-Leser, dient der Barbarei. Er ist kein Vorbild, er entwickelt sich zurück. Mahlke scheitert an seinem unerhörten Geltungsdrang. Gnadenlos packt die Katze Kriegsgesellschaft die kleine Maus.

Mit großem Ernst führt Portmann die endgültige Wende Mahlkes und der Geschichte vor. In Michael Kientzle findet er auch hier einen kongenialen und glaubwürdigen Partner; aber auch die anderen Beteiligten wie Straub, Melich, Garcia und Rödiger schaffen auf der Konstanzer Bühne im fliegenden Rollen- und Wechselspiel eine bedrängende Wirklichkeit, die über den Theaterabend hinaus wirkt - auch (oder gerade?) bei der älteren Jugend.

Siegmund Kopitzki